Handwerk

Die Rückkehr des persönlichen Schuhmachers

Über Jahrhunderte kannte ein Handwerker Ihre Füße. Dann kam die Fabrik, und aus dem Fuß wurde eine Zahl zwischen 39 und 47. Was heute zurückkommt, ist nicht der Schuhmacher. Es ist etwas Kleineres und Wichtigeres.

Wenn Sie heute Schuhe kaufen, nennen Sie eine Zahl. 43, vielleicht 44, je nach Marke auch mal beides. Diese Zahl beschreibt eine einzige Eigenschaft Ihres Fußes, nämlich seine ungefähre Länge. Über Breite, Ballenumfang, Rist oder Fersenbreite sagt sie nichts.

Das ist historisch gesehen eine sehr junge und sehr merkwürdige Art, Schuhe zu kaufen. Und sie ist keine Erfindung der Anatomie, sondern eine Erfindung der Fabrik.

Als jeder seinen Schuhmacher hatte

Bis weit ins 19. Jahrhundert war Schuhmachen ein ortsgebundenes Handwerk. In jeder Stadt, in fast jedem größeren Dorf gab es jemanden, der Schuhe machte und reparierte. Man ging nicht in ein Geschäft und suchte aus einem Regal. Man ging zu einer Person, die Maß nahm.

Diese Person legte für Sie einen Leisten an, also die Form aus Holz, über die der Schuh gebaut wird. Der Leisten war das eigentliche Produkt der Beziehung. Er lag im Regal der Werkstatt, oft mit Ihrem Namen beschriftet, und wurde bei jedem weiteren Paar wieder hervorgeholt. Ihr Schuhmacher musste Sie nicht neu vermessen, denn er hatte Ihre Füße bereits in Holz.

Und weil er Sie über Jahre begleitete, korrigierte er auch. Ein Druckpunkt beim ersten Paar wurde beim zweiten weggearbeitet. Der Leisten reifte mit, so wie der Fuß sich veränderte.

Der Leisten war das Gedächtnis der Beziehung zwischen Handwerker und Kunde.

Und genau dieses Gedächtnis ging verloren.

Die Konfektionsgröße ist ein Kompromiss der Produktion

Mit der industriellen Fertigung im 19. Jahrhundert änderte sich die Logik grundlegend. Eine Fabrik kann nicht für jeden Kunden einen Leisten bauen. Sie braucht wenige Leisten für viele Füße. Also musste die Vielfalt menschlicher Füße auf eine handhabbare Anzahl von Formen reduziert werden.

Das Ergebnis war die Konfektionsgröße: eine Skala, die im Wesentlichen die Länge abbildet und alles andere mittelt. Im frühen 20. Jahrhundert kam mit dem Brannock-Gerät sogar ein eigenes Messinstrument dafür in die Schuhgeschäfte, das Länge und Breite erfassen konnte. Nur nützte die Breitenangabe wenig, wenn im Regal ohnehin fast alles in einer einzigen Weite stand.

Wie wenig diese Skala mit dem Fuß zu tun hat, zeigt schon ihr Grundmaß. Eine europäische Schuhgröße rückt in Schritten von einem Pariser Stich vor, das sind 6,67 Millimeter, also zwei Drittel eines Zentimeters. Dieses Maß stammt nicht aus der Anatomie, sondern aus der Werkstatt: Es geht auf die Stichlänge der Naht zurück, mit der Sohle und Oberleder verbunden wurden.

Die Einheit, in der Sie Ihre Schuhe kaufen, ist ursprünglich eine Nahtlänge. Zwischen Größe 42 und 43 liegen keine anatomisch begründeten 6,67 Millimeter. Es sind schlicht die 6,67 Millimeter, die ein Schuhmacher vor zweihundert Jahren zwischen zwei Einstichen ließ.

Wichtig ist die Richtung dieser Entwicklung. Nicht der Fuß bestimmte den Schuh. Der Schuh bestimmte, welcher Fuß als normal galt. Wer davon abwich, und das sind sehr viele Menschen, bekam kein passendes Produkt, sondern eine Einlegesohle und den Rat, die Schuhe einzulaufen.

Abbildung 1

Wer den Fuß vermisst, und wie genau

Vereinfachte Darstellung. Die Anzahl der erfassten Fußmaße sinkt mit der Industrialisierung und steigt erst mit der digitalen Vermessung wieder.

viele Maße bis ca. 1850 Der Schuhmacher baut einen Leisten für Sie. Länge, Weite ab ca. 1850 Die Fabrik braucht wenige Leisten für viele Füße. nur Länge 20. Jahrhundert Die Weite verschwindet weitgehend aus dem Handel. mehrere Maße heute Der Leisten entsteht aus Ihren Messdaten. BALKENHÖHE STEHT FÜR DIE ANZAHL DER ERFASSTEN FUSSMASSE

Warum das Handwerk nicht einfach zurückkam

Man könnte fragen, warum der Maßschuh nie ein Comeback erlebte. Die Antwort ist unromantisch: Er war nie weg, er war nur unbezahlbar.

Einen Holzleisten von Hand für einen bestimmten Fuß zu bauen, dauert Stunden. Dazu kommen 2 bis 4 Anprobetermine, oft ein Probeschuh aus günstigerem Leder, Korrekturen, Nachjustierungen. Das ist ein hochqualifizierter Mensch, der über Wochen an einem einzigen Paar arbeitet. Deshalb beginnt echter Maßschuh in Deutschland bei etwa 1.500 EUR und geht deutlich darüber hinaus.

Der Kostentreiber ist dabei nicht das Material. Es ist die Zeit für das Vermessen und das Leistenbauen. Das Nähen, Zwicken und Besohlen des Schuhs selbst macht nur einen Teil aus. Wer den Maßschuh günstiger machen will, muss also nicht am Handwerk sparen. Er muss den Weg vom Fuß zum Leisten verkürzen.

Was sich technisch geändert hat

Genau dort ist in den letzten Jahren etwas passiert. Die Kameras in Smartphones sind gut genug geworden, um aus mehreren Aufnahmen eines Fußes ein dreidimensionales Modell zu berechnen. Als Referenzmaßstab genügt ein Blatt Papier im Format A4, das Sie auf den Boden legen.

Was dabei entsteht, sind keine Schätzwerte einer Größentabelle, sondern tatsächliche Werte: Länge beider Füße einzeln, Breite, Ballenumfang. Aus diesen Daten wird ein digitaler Leisten abgeleitet, und dieser Leisten geht in die Fertigung.

Der entscheidende Punkt ist nicht die Technik an sich. Es ist, was sie ersetzt: Wir haben die Vermessung ersetzt, nicht die Fertigung. Der Schuh selbst entsteht weiterhin von Hand, rahmengenäht, in einer Werkstatt nahe Budapest, mit denselben Arbeitsschritten wie vor hundert Jahren.

Die bessere Lösung gibt es seit Jahrzehnten

Das Bemerkenswerteste an der Konfektionsgröße ist, dass längst eine Alternative existiert, und zwar als internationale Norm.

ISO 9407 beschreibt das sogenannte Mondopoint-System. Es gibt die Schuhgröße als Fußlänge in Millimetern an und bei Bedarf die Fußbreite gleich dazu. Keine landesspezifische Skala, keine Umrechnung zwischen europäischen, britischen und amerikanischen Größen, kein Rätselraten. Die Norm existiert seit 1991 und wurde 2019 überarbeitet.

Sie werden ihr im Schuhgeschäft trotzdem kaum begegnen. Verwendet wird sie dort, wo Passform sicherheitsrelevant ist, etwa bei militärischer Ausrüstung und bei Skischuhen.

Der Grund dafür ist nicht technischer Natur. Millimetergenaue Längen mal mehrere Weiten ergeben eine Anzahl an Varianten, die kein Regal fassen kann. Die Norm scheitert nicht an der Messtechnik, sie scheitert an der Lagerhaltung.

Und genau dieses Hindernis fällt weg, sobald nicht mehr auf Vorrat, sondern auf Bestellung gefertigt wird. Wer nichts vorhält, muss auch nichts standardisieren.

Was zurückkommt, und was nicht

Hier wird es wichtig, ehrlich zu bleiben, denn die Überschrift dieses Artikels ist genau genommen zu groß gegriffen.

Das kommt zurück

  • Der persönliche Leisten. Ihre Fußmaße werden einmal erfasst und bleiben hinterlegt. Jedes weitere Paar entsteht darauf, ohne neue Vermessung.
  • Die Passform als Ausgangspunkt. Der Schuh richtet sich nach dem Fuß, nicht der Fuß nach dem Regal.
  • Die Reparierbarkeit. Rahmengenäht heißt: neu besohlen statt wegwerfen, über Jahrzehnte.
  • Das Handwerk in der Fertigung. Menschen, nicht Maschinen, bauen den Schuh zusammen.

Das kommt nicht zurück

  • Die Person. Sie werden keinen Schuhmacher kennenlernen, der Ihren Namen weiß und Ihnen beim dritten Paar ungefragt mehr Platz am Ballen gibt.
  • Die Anprobe am lebenden Fuß. Ein Handwerker, der Ihren Schritt beobachtet und daraufhin den Leisten schleift, korrigiert genauer als jeder Datensatz.
  • Der Holzleisten mit Ihrem Namen im Regal. Bei uns liegt er als Datei, nicht als Objekt.
  • Die kurze Wege. Ihr Schuhmacher war in derselben Stadt. Unsere Werkstatt ist in Ungarn.

Wer die linke Spalte will, ist bei uns richtig. Wer die rechte Spalte braucht, sollte zum Maßschuhmacher vor Ort gehen und die 1.500 EUR einplanen. Diese Empfehlung meine ich ernst, auch wenn sie mich einen Verkauf kostet.

Nicht der Schuhmacher kehrt zurück. Der Leisten kehrt zurück.

Und der Leisten war ohnehin immer der Teil, auf den es ankam.

Warum das mehr ist als Nostalgie

Es wäre einfach, daraus eine Geschichte über verlorene Handwerkskunst zu machen. Mir geht es um etwas Nüchterneres.

Der Verlust des persönlichen Leistens hatte zwei konkrete Folgen, die bis heute wirken. Die erste ist Passform: Ein erheblicher Teil der Menschen trägt Schuhe, die in der Breite nicht stimmen, und hat sich daran gewöhnt, dass das eben so ist. Die zweite ist Abfall: Ein Schuh, der nie richtig gepasst hat, wird schneller aussortiert, und ein verklebter Schuh kann ohnehin nicht repariert werden.

Beides ist keine Frage von Tradition, sondern von Produktionslogik. Die Konfektionsgröße war eine vernünftige Antwort auf ein Problem der Fabrik im 19. Jahrhundert. Sie ist heute nur keine vernünftige Antwort mehr, weil das Problem, für das sie erfunden wurde, technisch gelöst ist.

Häufige Fragen

Was genau ist ein Leisten?
Die Form, über die ein Schuh gebaut wird. Traditionell aus Holz, heute oft aus Kunststoff. Der Leisten bestimmt die Innengeometrie des Schuhs, also wie viel Platz Ihr Fuß in Länge, Breite und Höhe hat. Zwei Schuhe in derselben Größe können sich völlig unterschiedlich anfühlen, wenn sie auf unterschiedlichen Leisten gebaut sind. Genau deshalb passt Ihnen Marke A in 43 und Marke B nur in 44.
Warum gibt es im Handel kaum noch verschiedene Weiten?
Weil jede zusätzliche Weite die Anzahl der Lagerartikel vervielfacht. Bei 12 Längen und 3 Weiten sind es bereits 36 Varianten pro Modell und Farbe, die alle vorproduziert und bevorratet werden müssen. Für den Handel ist das ein Kapital- und Flächenproblem. Bei Fertigung auf Bestellung entfällt dieses Problem vollständig, weil nichts auf Lager liegt.
Ist eine digitale Vermessung so genau wie ein Maßschuhmacher?
Nein. Ein erfahrener Handwerker, der Ihren Fuß anfasst, Ihren Gang beobachtet und über mehrere Anproben korrigiert, erreicht eine Genauigkeit, die eine Vermessung per Kamera nicht erreicht. Wir liegen zwischen Konfektion und Maßschuh, deutlich näher am Maßschuh als an der Konfektionsgröße, aber eben dazwischen.
Was passiert mit meinen Maßen nach der Bestellung?
Sie bleiben in Ihrem Konto hinterlegt. Für jedes weitere Paar wird derselbe persönliche Leisten verwendet, ohne dass Sie erneut scannen müssen. Das ist die digitale Entsprechung des Holzleistens, der früher im Regal der Werkstatt stand.
Halten so gefertigte Schuhe wirklich Jahrzehnte?
Die Konstruktion erlaubt es. Bei der Goodyear-Rahmennaht lässt sich die Laufsohle austauschen, ohne das Oberleder anzutasten. Mit regelmäßiger Pflege und einer Neubesohlung etwa alle 5 Jahre sind 10 bis 15 Jahre realistisch. Was wir nicht versprechen können, ist, dass Ihnen der Schuh so lange gefällt.

Ihr Fuß, einmal richtig vermessen. Wenn Sie wissen möchten, welches Modell zu Ihrem Trageprofil passt: 4 Fragen, etwa 40 Sekunden, kein Konto nötig.

Quellen und weiterführende Literatur

ISO 9407, Mondopoint-System Internationale Norm zur Größenbezeichnung von Schuhen anhand der Fußlänge in Millimetern, bei Bedarf ergänzt um die Fußbreite. Erstfassung 1991, überarbeitete zweite Ausgabe 2019, betreut vom Technischen Komitee ISO/TC 137.
Pariser Stich Das Grundmaß der kontinentaleuropäischen Schuhgrößenskala. Ein Stich entspricht zwei Dritteln eines Zentimeters, also 6,67 Millimetern, und geht auf die Stichlänge der Naht zwischen Sohle und Oberleder zurück.
László Vass und Magda Molnár, Handmade Shoes for Men Standardwerk zum handgefertigten Herrenschuh. Vass, Jahrgang 1946, gründete 1978 seine eigene Werkstatt in Budapest. Molnárs Großvater arbeitete 50 Jahre als Schuhmacher. Das Buch dokumentiert den Leistenbau und jeden weiteren Arbeitsgang.
PFI Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens 1956 gegründet, heute die deutsche Anlaufstelle für Materialprüfung und Zertifizierung in der Schuh- und Lederbranche.

Die historischen Angaben in diesem Artikel sind bewusst grob gehalten. Die Entwicklung von der handwerklichen zur industriellen Schuhfertigung verlief in Europa und Nordamerika über mehrere Jahrzehnte und regional sehr unterschiedlich. Jahreszahlen sind als Orientierung zu verstehen, nicht als Stichtage.