Auszeichnung

Was eine Business School in einer Schuhwerkstatt zu suchen hat

Die Universität St. Gallen hat FORMA PRIOR das HSG Start-up Label verliehen. Das ist eine gute Nachricht, aber keine besonders interessante. Interessanter ist die Frage, was ein betriebswirtschaftliches Studium an einem Produkt verändert, das seit hundert Jahren gleich aussieht.

Verliehen am 4. Juni 2026

Das HSG Start-up Label wird von der Universität St. Gallen an Unternehmen vergeben, die mindestens zwölf Monate bestehen und an denen mindestens eine gründende Person an der HSG studiert, forscht oder arbeitet. FORMA PRIOR ist damit in der offiziellen Spin-off- und Startup-Liste der Universität geführt.

Ein Gütesiegel sagt zunächst wenig über einen Schuh. Es sagt etwas über eine Prüfung, die jemand anderes vorgenommen hat, und in unserem Fall über zwei nüchterne Bedingungen: dass es dieses Unternehmen seit mehr als einem Jahr wirklich gibt und dass einer der Gründer an der Universität St. Gallen studiert.

Deshalb geht es in diesem Beitrag weniger um das Label und mehr um die zweite Bedingung. Was hat ein Managementstudium mit einem Derby zu tun?

Die ehrliche Antwort lautet: erstaunlich viel, aber nicht das, was man vermuten würde.

Friedrich Trabert in Talar und Barett mit seiner Urkunde, flankiert von zwei Vertretern der Executive School, vor der Leinwand der Universität St. Gallen.
Diplomfeier der Executive School der Universität St. Gallen. Das Studium ist die zweite Bedingung für das Label und zugleich der Anlass für die Frage, um die es in diesem Beitrag geht.

Was ein MBA nicht beiträgt

Fangen wir mit dem an, was nicht passiert ist. Ein Studium hat uns keinen einzigen Kunden gebracht. Es hat nicht geholfen, eine Werkstatt in Ungarn zu finden, es hat nichts über Leder beigetragen und nichts über die Frage, warum ein Schuh an der Ferse rutscht.

Das kam alles aus dem Handwerk, aus Gesprächen mit Schuhmachern und aus einer erheblichen Zahl von Fehlversuchen.

Wer erwartet, dass ein Managementstudium ein Produkt hervorbringt, wird enttäuscht. Es bringt keine Antworten. Es bringt bessere Fragen und die Disziplin, sie in der richtigen Reihenfolge zu stellen.

Ein Studium liefert keine Antworten. Es liefert die Reihenfolge, in der man fragt.

Das klingt nach wenig. Es ist der Unterschied zwischen einer Idee und einem Unternehmen.

Vier Dinge, die tatsächlich hängengeblieben sind

1

Das Problem vor der Lösung definieren

Die naheliegende Gründungsidee wäre gewesen: Wir bauen schöne Schuhe. Das ist keine Problemstellung, das ist ein Wunsch. Erst die Arbeit an einer sauberen Problemformulierung hat den Kern freigelegt, nämlich dass Konfektionsschuhe in einer, manchmal zwei Weiten gefertigt werden und menschliche Füße in deutlich mehr. Das Problem ist nicht Schönheit, es ist Geometrie. Diese Verschiebung hat alles Weitere bestimmt, bis hin zur Frage, welche vier Fragen wir Besuchern zuerst stellen.

2

Rechnen, auch wenn das Ergebnis unbequem ist

Wir haben unsere eigenen Kosten über zehn Jahre gegen Sneaker und gegen den klassischen Maßschuhmacher gerechnet, mit Pflege, Gummieinsätzen und Neubesohlung. Das Ergebnis fiel gegen uns aus, und wir haben es trotzdem veröffentlicht. Eine Kalkulation, die man nur behält, wenn sie gefällt, ist keine Kalkulation. Diese Haltung ist der eigentliche Ertrag des Studiums.

3

Den Prozess aufschreiben statt ihn zu spüren

Wir haben unsere Fertigung als Prozesslandkarte aufgezeichnet, mit allen 19 Arbeitsgängen, den Übergabepunkten und vor allem den Wartezeiten. Erst dabei wurde offensichtlich, dass die Monate nicht am Werktisch entstehen, sondern davor, im Sammellauf. Man kann nur verbessern, was man vorher sichtbar gemacht hat.

4

Entscheiden, wo man nicht spart

Günstiger anbieten kann jeder, der bereit ist, das Produkt zu verschlechtern. Die schwierigere Aufgabe ist, vorher festzulegen, welche Positionen unantastbar sind, und dann an allem anderen konsequent zu sparen. Bei uns sind es vier: Leder, Sohlenkonstruktion, individueller Leisten und die Genauigkeit der Vermessung. Diese Liste stand fest, bevor der erste Preis kalkuliert wurde.

Warum davon etwas in diesem Journal steht

Wenn Sie sich fragen, warum ein Schuhhersteller Beiträge über Kanalarten, Lederschichten und Kostenrechnungen schreibt, die teilweise gegen ihn ausgehen, dann ist das die Verbindung.

Maßschuhe verkaufen sich über Vertrauen, und Vertrauen entsteht nicht durch Behauptungen, sondern dadurch, dass jemand seine Arbeit nachprüfbar macht. Ein Kunde soll unsere Rechnung nachrechnen und zu einem anderen Schluss kommen können. Das ist kein Marketingtrick, das ist die Anwendung derselben Denkweise nach außen.

Das HSG Start-up Label ändert daran nichts. Es fügt lediglich eine Stelle hinzu, an der jemand anderes hingeschaut hat. Für ein junges Unternehmen ohne Historie ist das mehr wert, als es klingt.

Was das Label nicht bedeutet

  • Es ist keine Produktprüfung. Niemand an der Universität hat unsere Schuhe getragen, das Leder geprüft oder die Passform bewertet.
  • Es ist keine Finanzierung. Mit dem Label ist kein Kapital verbunden.
  • Es ist keine Empfehlung. Die Hochschule prüft die Verbindung zur HSG und den Bestand des Unternehmens, nicht die Qualität dessen, was wir verkaufen.
  • Es macht keinen Schuh besser. Ob unsere Passform stimmt, entscheidet sich weiterhin drei Monate nach Ihrer Bestellung an Ihrem Fuß.

Wir schreiben das so deutlich, weil Gütesiegel oft mehr suggerieren, als sie prüfen. Uns ist lieber, Sie wissen genau, wofür dieses hier steht.

Der beste Beleg bleibt der Schuh selbst. Wenn Sie wissen möchten, welches Modell zu Ihrem Trageprofil passt: 4 Fragen, etwa 40 Sekunden, kein Konto nötig.

Das HSG Start-up Label wurde FORMA PRIOR am 4. Juni 2026 durch das Prorektorat Innovation und Quality der Universität St. Gallen verliehen. Voraussetzung ist ein Bestehen des Unternehmens oder Gründungsprojekts von mindestens zwölf Monaten sowie eine aktive Verbindung mindestens einer gründenden Person zur Universität. Rechtsträger von FORMA PRIOR ist die Footprint Pioneers UG mit Sitz in Ostfildern.